„Leviathan“ Arno Schmidt

Eine NACHBESINNUNG

Zuhören und Vorlesen sind für literaturgewöhnte Menschen meist ein großes Vergnügen, das sie seit ihrer Kindheit aus Märchentagen bis ins hohe Alter genießen. Lesestoff wie der „Leviathan“ von Arno Schmidt bedeutet da eine ganz besondere Herausforderung, die nicht jede und jeden begeistert. Doch für den sprach- und kunstinteressierten Leser ist jede Variation, die Welt und ihre Wirklichkeiten zu beschreiben oder in der Kunst darzustellen, äußerst spannend.

Arno Schmidts Leviathan erschließt sich nicht sofort und ich habe ihn erst nach mehreren Lesungen entdeckt. Dann plötzlich wurde mir klar, wie genial, ihn, den Chaosdrachen, den wir aus dem Psalm 76 vielleicht schon kennen, oder philosophisch gebildete Leser durch Thomas Hobbes mit seinem „psychologischen Egoismus“, in einen Zug zu verwandeln. Denn wo ist der Leviathan im „Leviathan“? Dass der Satan, der Teufel, in den Menschen steckt, wissen wir schon. „Um das Wesen des besagten Dämons zu beurteilen, müssen wir uns außer uns und in uns umsehen, wir selbst sind ja ein Teil von ihm, was muss also Er erst für ein Satan sein.“ (Zitatende) Aber wie drücken wir ihn literarisch aus? Auf der Flucht vor den anrückenden Russen macht sich eine Gruppe von Menschen aus Lauban, der schlesischen Heimat des Schriftstellers, am Ende des zweiten Weltkrieges  zum Bahnhof auf, um vielleicht noch einen Zug startklar zu machen und in Richtung Berlin zu fahren. Es finden sich sogar ein Heizer und ein Lok-Schlosser, und alle helfen mit, Kohle aufzuladen und den Zug tatsächlich zu bewegen, nicht alle überleben einen Luftangriff, doch der Zug kann meterweise in Bewegung gesetzt werden. Jetzt wird der versteckte Leviathan sichtbar, es ist der Zug selbst – welch geniale Konstruktion -,  hinten hängt ein sogenannter Schwellenreißer, der die Schwellen am Ende zerreißt, der Zug kommt schließlich zu einer von Bomben zerstörten Brücke, die Lok hängt vorn über dem Abgrund, so gibt es kein Vor und kein Zurück. Kann das Wirken des Teufels genialer und spannender ausgedrückt werden? Qualvoll haben die Menschen in der eisigen Kälte versucht, den Zug – das Leben? – klarzumachen, unterbrochen von Diskussionen über die Unendlichkeit des Universums, die Elektrodynamik bewegter Körper und die Existenz Gottes, um schließlich zerfetzt in den Abgrund zu stürzen.

Der Leviathan ist Arno Schmidts erstes veröffentlichtes Werk, sein Interesse galt besonders den Literaten Edgar Allan Poe und James Joyce, er hat sie übersetzt, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und er hat versucht, Ihnen literarisch zu folgen. Besonders der Sprachstil des Bewusstseins-Stroms bei James Joyce hat ihn beeinflusst. So möchte ich Interessierten anbieten, Parallelen zwischen Arno Schmidt und James Joyce in seinem Ulysses zu entdecken, wenn wir unsere Lesereihe „Literatur und Kunst“ am nächsten Freitag, 5. Dezember um 15 Uhr in der Bücherei Bomlitz fortsetzen.

Barbara Zimmer-Walbröhl